Mundaneum Karteikasten

Hypermedia zur Wissensvermittlung und die Ordnungsprinzipien, die der Dokumentation dieses Wissens zugrunde liegen – darüber hatten sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Paul Otlet und Henri La Fontaine Gedanken gemacht. Von revolutionären Ideen getrieben planten sie die Einrichtung der größten internationalen Wissenssammlung, dem Mundaneum. 

Auch für unsere Arbeit sind die Methoden zur Dokumentation ein zentrales Thema. Wir bei synetics wollen daher zurückblicken auf die Anfänge der modernen Speicherung und Vermittlung von Wissen, die während der Arbeit im Mundaneum erdacht wurden und die Menschen, die dahinter standen.

Fassade des Mundaneum

Sam.Donvil, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Geschichte des Mundaneums in Mons begann in den 1890er Jahren in Belgien, als Paul Otlet und Henri La Fontaine ein ambitioniertes Projekt ins Leben riefen. Ihr Ziel war es, das gesamte Wissens der Welt zu erfassen und an einem Ort zusammen- zutragen. Zu diesem Zweck sollte sämtliche Fachliteratur handschriftlich dokumentiert und in Zettelkästen geordnet werden. Die Idee war die Erschaffung der größten physischen Datenbank ihrer Zeit.

Besonders in den Anfangsjahren investierten Otlet und La Fontaine viel Zeit in die Dokumentation der Literatur und so wuchs die Sammlung schnell. 1910 wurde deshalb ein Gebäudeabschnitt im Palais du Cinquantenaire zur Unterbringung bereitgestellt und vier Jahre später wurde das Projekt um den Bau des Musée International (Internationales Museum) erweitert. Dem gesamten Komplex gab Otlet zunächst den Namen Palais Mondial (Weltpalast), den er später in Mundaneum änderte. In den 1920er Jahren nutzte die belgische Regierung die Räume zeitweise für andere Zwecke, wodurch die Arbeit an der Sammlung stark behindert wurde. In den darauffolgenden Jahren ging es dann nur noch langsam voran.

Zwischen 1934 und 1938 war das Mundaneum geschlossen und öffnete dann nochmal für zwei Jahre, bevor die Nationalsozialisten in Belgien einmarschierten und das Gebäude für Propagandazwecke nutzten. Im zweiten Weltkrieg und danach ging von der Sammlung viel verloren. Was von ihr übrig war wurde mehrmals umgezogen und zuletzt in Mons untergebracht. Dort wurde ein neues Mundaneum eingerichtet, wo die Sammlung seit 1998 der Öffentlichkeit wieder zugänglich ist.

Zunächst in Vergessenheit geraten, werden Paul Otlet und Henri La Fontaine heute als die Urahnen des Internets angesehen. Da die Belgier durch die technischen Möglichkeiten ihrer Zeit stark eingeschränkt waren, konnten die meisten Ideen, die vor allem Otlet formuliert hatte, nicht umgesetzt werden. Dennoch lassen sich einige Parallelen zu unseren heutigen Zugriffsmöglichkeiten auf Wissen über Seiten wie Google oder Wikipedia erkennen.

Was sie umsetzen konnten verfolgten Otlet und La Fontaine mit großem Eifer. Dazu gehörte auch die Einführung eines neuen Klassifikationssystems für Literatur, auf dem die Organisationsstruktur des Mundaneums aufgebaut war. Otlet betrachtete das seinerzeit genutzte System, wie es etwa in Bibliotheken zum Einsatz kam, als fehlerhaft und unzureichend und wandte sich deshalb an den amerikanischen Bibliothekar Melvil Dewey, der die nach ihm benannte Dewey-Dezimalklassifikation eingeführt hatte. Otlet und La Fontain erwarben zunächst die Rechte für eine französische Übersetzung, merkten jedoch wenig später, dass sie das System effizienter gestalten und durch die Wegnahme von spezifisch amerikanischen Elementen internationalisieren konnten. Die von Otlet und Fontaine entwickelte Dezimalklassifikation wurde später als Classification Decimale Universelle oder Universelle Dezimalklassifikation (UDC) bekannt, benannt nach den 10 Kategorien, in die Otlet das Weltwissen eingeteilt hatte. Heute wird die UDC in über 130 Ländern verwendet und wurde in 40 Sprachen übersetzt. Sie gilt als der inoffizielle Standard für die Indexierung aller erdenklichen Themen.

Um auf das gesammelte Wissen im Mundaneum zuzugreifen mussten Interessierte nicht unbedingt vor Ort sein, sie konnten ihre Fragen auch per Telegraph senden und für eine kleine Gebühr eine Auskunft erhalten. Die riesigen Ansammlungen an Papier machte es allerdings schwierig dieses Wissen zu kopieren oder mit Besuchern zu teilen, weshalb sich Otlet auch mit anderen Möglichkeiten zur Wissensspeicherung  auseinandersetzte. 1906 entwickelte er zusammen mit einem befreundeten Chemiker die Idee, mittels Mikrofotografie ganze Dokumente kompakt auf Mikrofiche zu speichern.

Da er viele seiner Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte, wollte er zumindest seine Überlegungen dazu schriftlich festhalten. Beispielsweise beschrieb er ein globales réseau, ein Netzwerk, das es Nutzern erlauben sollte Wissen ortsunabhängig abzurufen und visuell darstellen zu lassen. Dazu wollte er es möglich machen, Telefone und Fernseher mit dem Mundaneum zu vernetzen. Ein Nutzer könnte so im Mundaneum anrufen und nach einer Information verlangen, die ihm dann auf seinem Heimfernseher angezeigt werden kann. Das System sollte auch Audiowiedergabe unterstützen und es den Nutzern untereinander erlauben, Wissen zu teilen und miteinander zu interagieren. Diese Überlegungen beschreiben überraschend präzise, wie wir das Internet heutzutage nutzen.

Hier haben wir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der beiden belgischen Visionäre liefern können, der interessierte Leser findet unten zusätzlich Kurzbiographien und kleine Einblicke in die Arbeit im Mundaneum.

Paul Otlet (*1868 – ✝1944)

Paul Otlet

Otlet hatte schon in seiner Jugend großes Interesse an Büchern und dem Bibliotheks- wesen gezeigt. Zunächst wandte er sich allerdings seinem Jurastudium zu und trat 1891 als 23-jähriger Anwalt der Société d’études sociales et politiques (Gesellschaft für soziale und politische Studien) bei, in der auch Henri La Fontaine Mitglied war. Obwohl sich die beiden literaturbegeisterten Anwälte bereits vorher kannten, ist hier womöglich die Idee zur Errichtung des Mundaneums erst richtig aufgekeimt, da Otlet und La Fontaine einige Zeit zusammen in der literarischen Abteilung der Gesellschaft arbeiteten.

1895 wurden sie zu offiziellen Geschäftspartnern, als sie das Institut international de bibliographie (Internationales Institut für Bibliographie) gründeten und die Arbeit an ihrem Projekt der Wissenssammlung aufnahmen. Vor allem in den Anfangsjahren investierte Otlet viel Zeit in die Arbeit an der Sammlung und der Entwicklung der universellen Dezimalklassifikation. 

Als die Sammlung im Palais du Cinquantenaire untergebracht und ein dazugehöriges Museum eingerichtet wurde, nahm das Mundaneum erst die Gestalt an, die sich auch heute in Mons wiedererkennen lässt, wo neben der historischen Sammlung auch Wissensvermittlung abseits von dokumentierter Literatur stattfand und – findet. 

1934, als die Sammlung vorerst geschlossen wurde, schrieb Otlet, im Alter von 66 Jahren, sein heute bekanntestes Werk über die Dokumentation, “Traité de documentation : le livre sur le livre, théorie et pratique”. Darin beschrieb er all die revolutionären Ideen, die seit der “Wiederentdeckung” seine Beiträge zur Entwicklung des Internet viel diskutiert und zitiert werden. Später hatte sich vor allem der Bibliothekar Warden Boyd Rayward dem Leben und Wirken des Belgiers gewidmet und eine Sammlung von Otlets Essays in englischer Übersetzung mit dem Titel “International organisation and dissemination of knowledge : selected essays of Paul Otlet” zusammengestellt.

Henri La Fontaine (*1854 – ✝1943)

Für La Fontaine war das Mundaneum eines von vielen großen Projekten, denen sich der politisch engagierte Pazifist im Laufe seines Lebens gewidmet hat. Ähnlich wie sein späterer Geschäftspartner studierte er Jura an der Freien Universität zu Brüssel und wurde 1877 als Anwalt zugelassen. 1895 wurde er als Mitglied der Sozialistischen Partei in den Senat gewählt, dem er bis 1936 angehörte. 

Als Verfechter des Pazifismus engagierte sich La Fontaine für die Friedensbewegung der 1880er Jahre und wurde ‘89 zum Generalsekretär der Société belge de l’arbitrage et de la paix (Gesellschaft für Schiedsgerichtsbarkeit und Frieden) ernannt. In den folgenden zwei Jahrzehnten nahm er an fast allen Friedenskongressen teil und war ab 1908 Präsident des International Peace Bureau. 1913 erhielt er für seine Beiträge zu einem Internationalen Frieden den Friedensnobelpreis, mit dem das Friedensbüro als Organisation bereits drei Jahre zuvor schon einmal ausgezeichnet wurden. Nach dem ersten Weltkrieg fungierte er außerdem als Mitglied der belgischen Delegation auf der Friedenskonferenz in Paris 1919 und ein Jahr später auf der ersten Versammlung des Völkerbundes.

Henri La Fontaine

Neben seinen politischen Aktivitäten hatte er großes Interesse am Bibliothekswesen und arbeitete ab 1885 mit Otlet an der umfassenden physischen Datenbank, die uns bis heute als das Mundaneum bekannt ist. Dank der Subventionen der belgischen Regierung, die sicherlich auch durch seine Verbindungen im Senat möglich gemacht wurden, konnte das Vorhaben in die Tat umgesetzt werden. Aufgrund des Krieges musste die Arbeit im Mundaneum allerdings unterbrochen werden und wurde danach nochmal kurzzeitig aufgenommen, bevor das Projekt 1934 vorerst stillgelegt wurde.

Mundaneum Atlas Monde

Wie sich Paul Otlet das Mundaneum in Brüssel ursprünglich vorgestellt hat, ist in seinem unveröffentlichten Atlas Monde zu sehen. Darin sind mehrere Zeichnungen für die geplante Anordnung und Einrichtung der Räume enthalten. Sein Werk schließt mit einer Darstellung des Cellula Mundaneum, dem zentralen Raum des Gebäudes. Hier kann ein

Einblick in den Kopf des Visionärs gewonnen werden und ein Eindruck davon, wie eine frühe Datenbank für das gesammelte Wissen der Welt hätte aussehen können.

Hier sind die Zettelkästen zu sehen, die zur Aufbewahrung und Strukturierung der Sammlung genutzt wurden. Das Bild stammt von 1906, es handelt sich bei dem Gebäude also noch nicht um den Raum im Palais du Cinquantenaire, wo die Sammlung erst unter der Bezeichnung Mundaneum bekannt wurde. Es wurde allerdings bereits die UDC für die Organisationsstruktur genutzt.

Mundaneum Zettelkästen
Mundaneum Classification Decimale

Eine schematische Darstellung der UDC am Beispiel der Klasse 3 aus dem 10-Klasse-System, der Soziologie. Oben links wird ersichtlich, wie sich diese Kategorie in die UDC einordnet. In der Kategorie “Soziologie” selbst ist die Einteilung der Thematik in 10 weitere Teilbereiche zu sehen. Hier wird nochmal deutlich, woher die UDC ihren Namen hat, und wie Otlet das Thema Soziologie zu ordnen beabsichtigte.

Quellen