Haben Sie heute schon die Wikipedia abgefragt? Ihre eigene Dokumentation ergänzt? Vielleicht um einen hyperlink? Heute stecken dahinter enorm leistungsfähige Systeme und Datenbanken. Aber was war davor? Wie und wer begann zu dokumentieren? Uns interessierten die Pioniere, die all dies überhaupt erst möglich machten. Sie forschten intensiv, stellten ihr Leben in den Dienst einer Sache, an die sie glaubten, zumeist gegen den Widerstand ihrer Zeitgenossen. Ruhm, Ehre oder Reichtum? Fehlanzeige. Heute ziehen wir den Hut vor einem Pionier, einem nahezu vergessenen Helden der Dokumentation. Staunen Sie mit uns, wie man die Dokumentation von Wissen, noch lange vor dem ersten Computer, auch praktisch angewandt hatte!

Vor der IT: Tägliche Praxis der Dokumentation

 

Es ist Nachmittag in einem Brüsseler Palais. Die hier arbeitenden Frauen führen in Ruhe ihre gewohnten und nun schon mehrere Jahre eingeübten Handgriffe durch. Traumwandlerisch, aber mit sicherem Schritt bewegen sie sich zwischen den hohen Schränken, die sowohl an den Wänden als auch in der Mitte des Raumes stehen, der  die Dimension eines Ballsaals hat. Ein kurzer prüfender Blick auf die Aufschrift einer Lade. Alle hier befindlichen Schränke haben ausschließlich Laden, und zwar in schier endloser Zahl. Die Laden strukturieren jeden Schrank in gleichmäßige Spalten und Reihen. Die Aufschrift der Lade stimmt mit der Erwartung der Arbeiterin überein. Hier verläuft sich niemand mehr, niemand stößt mit einer anderen Person zusammen. Wie bei einem lange einstudierten Tanz bewegen sie sich auf ihren Bahnen von Schrank zu Schrank, Lade zu Lade, Schrank zu Schreibtisch und zurück. Leicht gleiten sie heraus, die maßgefertigten Laden. Der Kraftaufwand sie zu öffnen ist überraschend gering. Gering ist auch das Geräusch beim Herausziehen. Gut ausgedacht ist diese Konstruktion. Wie auch alle Abläufe hier gut durchdacht sind. Und doch ergibt die Summe aller Bewegungen im Raum einen Rhythmus ohne Takt, eine unberechenbare Gleichmäßigkeit, ein geschäftiges Grundgeräusch. Auch der Inhalt der nun geöffneten Lade überrascht hier niemanden mehr, ist er doch in jeder Lade gleich: Karteikarten aus starkem Papier in immer gleicher, aber sehr guter Qualität, mit stets gleichen Abmessungen. Die Karten sind in Abteilungen unterteilt. Mit flinken Fingern wird zumeist nach genau einer Karte pro Lade gesucht, dann wird diese wieder geschlossen. Auch dieses Durchblättern ist nicht ganz lautlos und Teil der Symphonie, die hier täglich neu aufgeführt wird.

Gefunden! Dass eine Karte fehlt oder an einem falschen Platz eingereiht wurde ist höchst selten. Nicht umsonst wird neuen Kolleginnen die Arbeitsweise oft gezeigt. Genauigkeit und Verlässlichkeit bei der Arbeit ist eine wichtige Eigenschaft. Die Zeiten sind hart, es gibt wenig Arbeit und jede Angestellte hier ist froh Geld zu verdienen. Auch das motiviert zu fehlerfreier Arbeit.

Ein Platzhalter wird eingesetzt, bevor die Karte entnommen und die Lade wieder geschlossen wird. Nun zur nächsten Lade, einige Schritte sind zurückzulegen. Da sie ziemlich weit oben ist, wird eine kleine stabile Leiter auf Rollen zum Kasten geschoben. Fünfzehn Karten werden diesmal zusammengesucht, nach einem System, das Außenstehenden fremd erscheinen mag. Doch hier, in diesem kleinen Universum, einem Bienenstock ähnlich, ist jeder Handgriff logisch und durchdacht.

Der große Raum ist gut beleuchtet, obwohl die Tage merklich kürzer werden. Ein großer Ofen in der Ecke sorgt zwar nicht für Behaglichkeit, doch immerhin für eine angenehme Grundtemperatur. Mehr ist auch nicht nötig, sind doch alle 15 Frauen, die hier arbeiten in ständiger Bewegung. Elegante Beleuchtungskörper neuerer Bauart ermöglichen konzentrierte Arbeit. Nun werden die gefundenen Karten auf einem der Tische handschriftlich um Inhalte ergänzt. Ein Buch liegt geöffnet hier, mehrere farbige Lesezeichen markieren Seiten, die nun abgearbeitet werden. Autor, Buchtitel und die jeweilige Seite werden auf die Karten übertragen. Und die Indexzahl. Danach wird das Buch zur Seite gelegt und die Karten werden wieder in die Laden eingeordnet.

Das Ziel dieser Unternehmung?

Das in Publikationen enthaltene Wissen extrahieren, in Einzelteile zerlegen, zu dokumentieren. Ab dem Zeitpunkt der Dokumentation steht es der Allgemeinheit, und zwar der ganzen Welt, zur Verfügung. Hier, im Palais du Cinquentenaire, im Zentrum von Brüssel, wird der aktuell größte, jemals von Menschenhand aufgebaute Wissensspeicher errichtet. Eine wahrhaft monumentale Aufgabe. Sie nennen es: Das Mundaneum.

1.500 Anfragen von Wissenschaftlern und Firmen aus aller Welt wurden im aktuellen Jahr bereits beantwortet. Täglich können bis zu 2.000 Karteikarten bearbeitet werden.

Der Chef und wichtigste Financier des Unternehmens kommt aus seinem Büro und sieht sich kurz um. Sein Name ist Paul Otlet. Alle Abläufe hat er sich ausgedacht, wieder und wieder optimiert. Das Format der Laden, der Schränke, ja selbst Material, Dicke und Format der verwendeten Karten – alles wurde von ihm durchdacht. Das Ablagesystem wurde über viele Jahre geplant, die nötigen Abläufe der Dokumentation wurden neu erdacht. Wie dokumentiert wird, war bereits vor der Anschaffung des ersten Schrankes definiert. Alles hier ist am neuesten Stand von Wissenschaft und Technik. Eine Wissenschaft, die hier begründet wird: Die Dokumentationswissenschaft. Laufend forscht Otlet weiter, steht im Austausch mit Spezialisten seines Fachbereichs. In der Hand hält er eine recht neue Entwicklung an der er mitwirkte: Eine Filmrolle mit miniaturisierten Fotografien von Buchseiten. Diese microfiches sollen in naher Zukunft maschinell abgelegt und wiedergefunden werden. Er sieht auf seine Taschenuhr. Es ist spät geworden, an diesem Nachmittag im Herbst des Jahres 1912.

Selbst er ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er mit seinen Angestellten einige Jahre später über sechzehn Millionen bibliografische Einträge in seiner “universellen Bibliothek” gesammelt haben wird und diese Leistung kurze Zeit später wieder in Vergessenheit geraten sein wird.

Die ersten analogen Datenbanken

 

Der Bedarf an Dokumentation kommt mit steigender Informationsmenge. Das Buch, anfangs nur in der Hand der Mächtigen, enthielt wertvolle Informationen über unterschiedliche Fachgebiete und dringend benötigte Innovationen – Medizin, Literatur, Religion, Recht, Technologie, usf.

Wissen ist Macht, darüber waren sich die Mächtigen einig. Bibliotheken anzulegen war nicht nur Mode und Ausdruck von Reichtum, es war schlicht notwendig um auf dem aktuellen Stand von Forschung und Technik zu sein. Doch wie baut man eine Bibliothek auf? Und wie dokumentiert man den Inhalt, sodass die relevanten Informationen wiedergefunden werden können?

Zweifelsohne benötigt man einen Index, ein Verzeichnis, auch darüber waren sich die Mächtigen und die Verwalter ihrer Sammlungen einig. Mit dem Index ändert sich viel. Die effiziente Suche nach Wissen wird möglich, über die Medien hinweg – und, wenn das Indizierungssystem entsprechend aufgebaut ist, ist es damit ebenso möglich Relationen – Querverweise zu bilden. Der eigentliche Wert, das nutzbare Wissen über die Inhalte, und damit auch die Macht steckt plötzlich nicht mehr im Buch selbst, sondern in der Dokumentation!

Ohne Dokumentation ist eine Bibliothek vielleicht von Wert, aber nicht von Nutzen.

Erste Standardmethoden der Dokumentation

 

Viele Sammlungen und Bibliotheken entwickelten eigene Methoden der Katalogisierung und Dokumentation. Der deutsche Gottfried Wilhelm Leibnitz, in seiner Eigenschaft als Hofhistograf, hatte bereits gegen 1700 mit der hohen Zahl an neuen Druckerzeugnissen zu kämpfen. Das Problem war globaler Natur und entstand durch Technologie: Der Buchdruck ließ die Menge der neu erscheinenden Bücher und damit der verfügbaren Informationsmenge regelrecht explodieren. Plötzlich gab es jedes Jahr mehr neue Publikationen als man in einem ganzen Leben zu lesen imstande war. Die Gefahr bestand nicht darin, die Eitelkeit des Belesenen zu verletzen. Es war schlicht Staatsräson den Anschluss nicht zu verlieren, am Ball der Zeit zu sein, Wettbewerbsvorteile zu erlangen, die Kontrolle und damit die Macht zu erhalten.

Leibnitz entwickelte eine Dezimalklassifikation zur numerischen Ordnung von Informationen, konkret: vom Wissen, das ansonsten zwischen Buchdeckeln verborgen blieb. Kategorien waren Kunst, Wissenschaft, Recht, usf. die in Zehnergruppen mit bis zu zehn Untergruppen organisiert wurden. Auch diese konnten weitere Untergruppen enthalten, es ergibt sich eine hierarchische Ordnung, die nach kurzer Einführung leicht durchschaubar und – weit wichtiger – leicht durchsuchbar war. Diese Klassifikationsmethode war offen gestaltet, keine Norm. Jede Bibliothek, die diese Klassifikation anwenden wollte, passte diese an individuelle Bedürfnisse an.

Enzyklopädien und Lexika kamen um 1750 auf und waren bis in das 20. Jahrhundert Mode und Ausdruck des Bildungsbürgertums: Bücher über Bücher. Was in der Enzyklopädie geschrieben stand, war die De-Facto-Realität der gebildeten Oberschicht. Dass diese, überschaubar objektiv waren, vor politischer und religiös geprägter Ideologie strotzen und in erster Linie kommerzialisierte Massenprodukte waren, war den Wissenschaftlern stets klar, entsprechend war der Umgang mit diesen Erzeugnissen verhalten.

Doch die Mühlen des Wissens mahlten stets langsam. Erst 1876 überarbeitete Melvil Dewey das Leibnitzsche Klassifikationssystem zur Dewey Decimal Classification, nahm jedoch ausschließlich auf die anglo-amerikanische Sprache Rücksicht.

Nur zehn Jahre später war die Linotype erfunden, die für einen nie dagewesenen Output an bedrucktem Papier sorgte. Die Dokumentation des gedruckten Wissens wurde spätestens jetzt zur Mammutaufgabe. Dabei war das Wort “Dokumentation” noch nicht einmal gebräuchlich.

Dokumentation macht Wissen nutzbar.

Ein Ablagesystem für den Inhalt, nicht für Bücher

 

Doch einer findet sich stets, der so fasziniert, berufen und auch besessen davon ist ein Problem zu lösen. Zu diesem Zeitpunkt war Paul Otlet 18 Jahre alt und als Sohn eines reichen Industriellen bereits seit Jahren mit dem Bibliothekswesen bestens vertraut. Vom Klassifikationssystem war er wenig begeistert. Im multilingualen Europa gab es nicht einmal eine Grundlage für Zusammenarbeit der “Wissensarbeiter”. Weder ein einheitliches Ablagesystem, noch den Auftrag eines Mächtigen, wie Leibnitz ihn hatte – und kein entsprechendes Budget. In Paul Otlets Weltbild ein Graus, der mehr Wissen verhinderte als ermöglichte.

Paul Otlet wurde bereits in jungen Jahren mit der Aufgabe betraut eine Bibliothek für Rechtstexte aufzubauen. Schnell kam er zur Erkenntnis, dass die verfügbaren Ordnungssysteme überarbeitet werden müssten. Und er erkannte recht schnell, dass das Medium Buch zur Wissensvermittlung nicht optimal geeignet ist. Von vielen neuen Medien nahm er Notiz, die in der klassischen Bibliothek nicht vorkamen. Gemeinsam mit Henri La Fontaine, der einige Jahre älter und ebenfalls Jurist war, entwickelte er in mehrjähriger Arbeit das längst fällige neue Klassifikationssystem. Dieses war Grundlage der weiteren Forschung und Entwicklung im Bereich der Bibliografie. Aus dem System von Leibnitz und Dewey wird die “universelle Dezimalklassifikation”, die so funktional und erweiterbar gedacht war, dass sie bis heute gültig – und diesmal genormt – ist.

Die erprobte Zusammenarbeit der beiden Forscher führte 1898 zur Gründung des “Office International de Bibliographie”. La Fontaine, der sich intensiv mit Friedensforschung auseinander setzte und 1913 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhielt, und Otlet waren einhellig der Meinung, dass Wissen, wenn es erst einmal global und allen Bevölkerungsschichten zur Verfügung gestellt werden kann, zum Völkerverständnis und Weltfrieden führen wird. Das trieb die beiden Pazifisten an, Methoden zur Dokumentation, Visualisierung und Verbreitung von Wissen zu erarbeiten. Sie waren mit dieser, heute nahezu naiv anmutenden, Meinung nicht allein.

Mit der Erkenntnis, dass Mächtige und Geldgeber stets Einfluß auf Inhalte nehmen, schlugen sie einen zentralistischen und aus ihrer Sicht möglichst objektiven Weg der Aufbereitung von Wissen ein. Und das alles zu Zeiten des erstarkenden Nationalismus. Es galt weiterhin: Wissen ist Macht.


 

Am Nabel der Wissenswelt

 

Ein enormer Forschungs- und Innovationswille, ausgelöst durch und dargebracht in den Weltausstellungen sorgt gegen 1900 für neue Technologien, Arbeitsmethoden und zu einem exponentiell anwachsenden Weltwissen. Bereits die Pariser Weltausstellung von 1889, die von 32 Millionen Menschen besucht wurde und deren weithin sichtbares “Lighthouse” der Pariser Eiffelturm war, hat die Welt ein wenig kleiner gemacht. Erstmals konnte sie an einem Ort begriffen werden, zumindest das, was damals als die Welt verstanden wurde. Das globale Zusammenrücken, eine erste Form der Globalisierung wurde begeistert auf- und angenommen.

In der Brüsseler Weltausstellung 1897, es ist bereits die zwölfte, wird zum ersten Mal auch die Wissenschaft einem breiten Publikum näher gebracht. Mathematik, Physik und Naturwissenschaft bekamen viel Aufmerksamkeit. Paul Otlet und seine Mitstreiter sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie saugen aus den zur Verfügung stehenden Kontakten und Materialien ihren Honig und arbeiten es in ihre Wissensdokumentation ein.

Und nach der Weltausstellung soll just genau dieser Platz, der Parc du Cinquantenaire, der “Jubelpark”, als Platz für ihr Vorhaben Verwendung finden.

Visualisierung von Wissen

 

Otlet war klar, dass zur Vermittlung von Wissen eine grafische Aufbereitung, Verdichtung und vereinfachte Darstellung elementar ist. Otto Neurath entwickelte zu dieser Zeit die “Wiener Methode der Bildstatistik”. Ebenso jene Bildsprache, die später Isotype genannt wird – auch diese hat bis in unsere Zeit Bestand und ist Grundlage unserer heute so verbreiteten Icons. Die Zusammenarbeit von Wien und Brüssel erfolgte über Jahrzehnte mit den damals typisch logistischen Hürden.

Doch es gibt noch mehr Unterstützer von Paul Otlets Ideen, zumeist im Lager von pazifistischen IntellektuellenMit der amerikanischen Kongressbibliothek steht Paul Otlet in intensivem Austausch – mit dem Ergebnis, dass das amerikanische Archiv nach und nach an Brüssel ausgeliehen und hier in das “Weltarchiv” eingearbeitet werden darf. Auch in diesem Fall darf man den enormen logistischen Aufwand nicht unterschätzen, schließlich gab es ausschließlich die Schifffahrt zur Verbindung der Kontinente.

Ebenso steht er im Austausch mit Intellektuellen wie Wilhelm Ostwald, deutscher Chemiker, Pazifist und Nobelpreisträger für Chemie, dem österreichischen Pazifisten Alfred Hermann Fried, dem französischen Soziologen René Worms, dem Medizinnobelpreisträger Charles Richet und mit H.G. Wells, der als Pionier der Science-Fiction gilt und dessen Vision ebenfalls Aufklärung der Menschen zur Vermeidung von Krieg war.

Le Corbusier plant mit Paul Otlet das zukünftige Mundaneum, einen Ort des Wissens mit wahrhaft monumentalen Ausmaßen. Wissen braucht auch Platz, um sich zu entfalten und in Ruhe konsumiert werden zu können. Raum, viel Raum wird benötigt. Nicht nur für die zu erwartende Anzahl an Daten – in Form von Karteikarten. Auch für die Realisierung des Plans, das globale Wissen nicht nur zu sammeln, sondern auch den Bürgern in thematisch aufbereiteter Form zu präsentieren soll ein sich ständig änderndes “Museum des Wissens” errichtet werden. Die ersten erfolgreichen Versuche im Palais Mondial, dem Prototyp des  “Mundaneums” werden ebenfalls für Wien aufbereitet – in der Form eines Wandermuseums – unter der Leitung von Neurath. Weitere Außenstellen in Paris, London, Washington D.C. und Rio de Janeiro sind in bereits in Planung, werden jedoch ebenso wenig realisiert wie der Neubau des Mundaneums in Brüssel.


 

Die neuen Medien

 

Ein weiterer Aspekt der Leistung dieser Pioniere betrifft die enorme Innovationsfülle, die in dieser Zeit zeigt – und massive Auswirkung auf die Forschungsarbeit im Bereich der Bibliografie und der Volksbildung hat. In rascher Folge stellt neue Informations- und Kommunikationstechnik das gedruckte Wort, als bisher einzige Quelle des Wissens, zumindest theoretisch in Frage: das Telefon, die Telegrafie, die Schallplatte, das Radio, das Kino und neuerdings die Television. Sie alle haben das Potenzial als Transporter für Wissen zu fungieren – Paul Otlet und seine Forscherkollegen erkennen und berücksichtigen das. Konzepte, die uns heute, über 100 Jahre später, sehr bekannt vorkommen, werden ausgearbeitet. Und eine weitere Technologie erweitert das Archiv um bisher ungeahnte Möglichkeiten. Die Microfiches sind mit der Unterstützung von Paul Otlet serienreif geworden, die Mikroverfilmung von Dokumenten. Auch das: eine Entwicklung die bis heute Bestand hat und selbst in Zeiten der Volldigitalisierung weiterhin als Langzeitarchiv genutzt wird.

Die Verteilung von Wissen – noch ohne Netzwerk


 

Paul Otlet entwickelt zu einer Zeit, wo Daten gerade mal in Form des Morsealphabets per Kabel und Funk übertragen werden konnten, die Vision der globalen Verteilung des zentral aufbereiteten Wissens an eine Art Workstation. Er zeichnet bereits seine Vision von vernetzten Systemen. Die Wissensempfänger können Informationen direkt an ihrem Schreibtisch abfragen. Klarer Weise wird Paul Otlet in manchen Publikationen als “Vater der Suchmaschine” gefeiert.

 


 

Auch an den Heimarbeitsplatz hat Paul Otlet bereits gedacht: An einem Mundaneum für den Heimbereich: Die Mondothek! Anfang des 20 Jahrhunderts von Paul Otlet als Mini-Mundaneum für daheim konzipiert, entspricht die Mondothek in etwa unseren heutigen Smartphones und Notebooks. Doch die weit voraus gedachten Innovationen und Lösungen lassen lange auf sich warten, denn jäh wird Paul Otlets Forschung – und die seiner Mitstreiter unterbrochen.

 


 

Das Ende der Visionen

 

Im Jahr 1934 wird das Mundaneum geschlossen. Anfangs wird die Wissenschaftliche Arbeit bei Paul Otlet zu Hause weitergeführt. Viele Vertraute und Mitstreiter der Ideen Otlets und La Fontaines müssen zu dieser Zeit ihre Heimat verlassen, viele Forschungsarbeiten werden eingestellt. 1941 besetzten die Deutschen das Palais Cinquantenaire – die Sammlungen werden zum ersten Mal verlegt. 1944 stirbt Paul Otlet, nur ein Jahr nach dem Tod seines wichtigsten Wegbegleiters Henri La Fontaine. Beiden Friedens- und Wissensforschern ist das Ende des zweiten Weltkriegs zu erleben nicht mehr gegönnt. Die Überreste seines Lebenswerkes werden mehrfach verlegt und verkommen zusehends. Erst 1975 entdeckt Boyd Rayward von der Universität von Illinois die Mundaneum Archive wieder und veröffentlicht Paul Otlets erste Biographie.

Das Vermächtnis von Paul Otlet?

 

Was wir lernen können? Vielleicht Demut gegenüber dem Willen, der Schöpfungskraft, der politischen und wissenschaftlichen Überzeugungsarbeit, die von Paul Otlet und seinen Zeitgenossen geleistet wurde. Auch Demut gegenüber Visionären, die weiterhin nicht unbedingt Ruhm erlangen, obwohl sie Neuland betreten und der Welt Wert bringen.

Und vielleicht auch die Überzeugung, dass Ideen schon lange gedacht werden, bevor die technischen, organisatorischen und politischen Voraussetzungen auch nur ansatzweise zur Verfügung stehen. Gibt es Erfindungen? Oder doch nur Evolution? Jemand “findet” auch jetzt gerade etwas. Doch mit Paul Otlet haben wir einen besonderen Fall: Er hat sich mit Theorie nicht begnügt. Sein jahrelanger “Proof of Concept” war zum damaligen Zeitpunkt sehr wohl erfolgreich. Auch wenn der Erfolg, der möglicherweise mit neuer Technik potenziert hätte werden können, leider vom Gegenteil seiner Vision hinweg gewischt wurde: Weltkrieg statt des ersehnten Weltfriedens.

Paul Otlet würde sich wundern, wie wenig das nun, durch Internet, Suchmaschinen, Google Books und viele andere Initiativen zur Verfügung stehende Wissen Verbreitung findet und vielmehr das Nichtwissen für Lust sorgt. Das von ihm vorgelebte und zweifelsohne zum damaligen Zeitpunkt politisch notwendige, zentralistische System ist für die Verbreitung des Wissens durch ein dezentrales System abgelöst worden, es gleicht einem Wunder, dass das, zu Paul Otlet’s Zeiten undenkbare, nun als Kulturleistung möglich wurde: Die Wikipedia. Die dank Beschlagwortung ohne Klassifikationssystem auskommt.

Interessant auch, dass alle kommerzialisierten und zentralisierten Ansätze der globalen Wissensdokumentation von einer dezentral organisierten, von Freiwilligen getragenen Methode verschwunden sind: Die gedruckten Lexika sind ebenso Staubfänger geworden, wie die digitale Microsoft Encarta, die aus vielen internationalen Einzelunternehmungen bestand und 2009 eingestellt wurde. Sie alle wurden überrollt vom dezentralen Ansatz der Wissensdokumentation. Hätte Paul Otlet wohl seine Freude daran?

Wir werden sehen, was als Kulturleistung bleibt. Vielleicht schlägt das Pendel wieder in Richtung kommerzialisierter Services aus? Oder werden diese gar aus politischer Notwendigkeit wieder aktuell? Mit Sicherheit bleibt uns das System Files, Folders, Cabinets auch in der aktuellen Zeit noch lange erhalten.

 

Und wir?

 

Wir, die mehr oder weniger begeisterten Anwender der Dokumentation, die wir selbst vermutlich nie in die Verlegenheit kommen werden ein neues System für unsere Dokumentationszwecke erfinden zu müssen, feiern im Jahr 2018 den 150. Geburtstag von Paul Otlet. Respekt und Dank für diese Pionierleistung!

Doch starten wir vorerst mit unserer eigenen Dokumentation – denn es gibt noch Einiges zu tun! Warten wir nicht auf die vollautomatische Methode der Zukunft, beginnen wir mit der vorhandenen Technologie. Mühsame Kleinarbeit? Selbst 16 Millionen Datensätze werden nicht ein ganzes Forscherleben benötigen.

Dokumentation ist nicht darauf beschränkt, Fakten aufzuzeichnen, wird jedoch ihre automatische Wiederbeschaffung in jedem Moment ermöglichen, der dies erfordert; Dokumentation ist ein gewaltiger intellektueller Mechanismus, geschaffen um fragmentarische und verstreute Information zu erfassen und zu kondensieren um sie dorthin zu verteilen, wo sie gebraucht wird.